Chicken, Alaska

„Da müssen wir unbedingt hin!“ Der Name des kleinen Goldgräberstädtchens nahe der kanadischen Grenze ist sicher öfter der Grund eines Besuchs als seine Attraktionen. Der Ort hat 30 Einwohner im Sommer, im Winter sind beide Strassen dorthin geschlossen. Immerhin fünf sollen den Winter dort überdauern. Ziemlich tough. Die Strasse hierhin führt von Tok nach Norden und ist bis kurz vor Chicken geteert. Dann beginnt das wahre Abenteuer. Ungeteert und Kiesstrasse kannten wir schon, aber mit dem Camper über eine Dirt Road zu fahren, das war neu. Neu waren auch die Schlaglöcher, mindestens von ihrer Dimension her. Wir mussten das Tempo nun wirklich verringern und konnten nur ca. 20 mph fahren, manchmal war auch das zu schnell. Als wir im Dorf ankamen begann es auch noch zu regnen, und die Strasse wurde schlammig. Gut haben wir ein Auto mit 4×4, also haben wir ihn zum ersten Mal eingeschaltet.

Im Dorf gibt es drei Unternehmen, die jeweils ein Komplettprogramm anbieten: Café/Restaurant, Camping und Souvenirshop. Wir wählten den Chicken Creek Outpost, versäumten es aber nicht, bei den anderen beiden Shops ebenfalls vorbei zu schauen. Zum „Top of the World Highway“ – Den Namen hatten wir zum ersten Mal in Kenai gelesen, ein offenbar weltberühmter Highway – gab es viele Aufkleber und Motive. Das liess uns noch relativ kalt.

Da es viel regnete und recht trüb war, und es in Chicken nicht viel zu tun gibt, entschlossen wir uns, am nächsten Tag weiter zu fahren. Die Route war ebendieser Highway. Ich erkundigte mich, wie die Strasse nach dem Regen sei. „Ja, sie wird rutschig sein. Fahre in der Mitte. Halte an, lasse die anderen passieren. Fahr vorsichtig. 4×4 ist keine dumme Idee.“ Das konnte ja heiter werden. Und tatsächlich: Die Strasse blieb schlammig und rutschig, zudem führte sie den Berg hoch und oft war zwischen unseren Reifen und dem Abgrund nur noch ein Meter Platz, wenn überhaupt. Manchmal ging es steil bergauf, manchmal wieder steil bergab.

Mit der Abzweigung auf den Top of the World Highway wurde unsere Laune schlagartig besser: Geteerte Strasse! Wir brausten hinunter in Richtung kanadische Grenze. Dann wieder krochen wir hinauf in Richtung kanadische Grenze. Froh, den Taylor Highway mit seinen Schlammstrassen hinter uns gelassen zu haben, fuhren wir nach Kanada. Dort hingegen wartete Gravel Road auf uns – ein kleiner Dämpfer, doch wir merkten bald, dass das Strassenbett viel besser war als in den USA wenige Minuten zuvor, und die Schlaglöcher waren eher bescheiden. Doch es nahte das nächste Unheil: Nach unserem Fahrerwechsel kroch der Nebel bis auf die Strasse hinunter, und so fuhren wir fast den kompletten Highway, der für seine Aussicht berühmt und benannt war, blind.

In Chicken gab es Aufkleber mit dem Satz „Top of the World Highway – I survived!“. Genau so fühlten wir uns, als wir in Dawson auf der Fähre über den Yukon waren. Wir hatten es geschafft, wir hatten überlebt.